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Die bekehrte Tänzerin aus Graz

Prag, 1. Juni 1688, Kloster der Karmelitinnen:

„Nun ist aber Schluß damit meine Schwestern“, überschlug sich die Stimme der Priorin beinahe. „So ein Geschnatter, schlimmer als ein ganzer Hühnerstall auf einmal! Bedenkt an welchem Orte Ihr hier seid! Sowas!“ schimpfte die alte Frau weiter, deren Gesicht im Gegensatz zu ihrem braunen Habit eine Farbe von knalligem Purpur angenommen hatte.

 

„Nur weil Ihr die Wahrheit gegenüber der ach so frommen Stroblerin nie ertragen konntet“, erwiderte spitz hierauf die Organistin.

„Oder weil vielleicht Euch doch mehr mit der ach so teuren Verstorbenen verband – Gott allein weiß, wieso ihr auf diese alte Flitschen so viel hieltet gnädigste Domina“ , säuselte die Küchenmeisterin mit säuerlicher Miene.

 

Man hörte plötzlich ein mehrmaliges Pochen, welches sofort die Ruhe herzustellen wusste. Der Fürsterzbischof von Prag erhob sich in vollem Ornate und mit gravitärischer Ruhe von seinem Thronsessel und blickte in die Runde der etwa 50 versammelten Prager Karmelitinnen. Hierauf wusste keine mehr etwas zu sagen.

 

Mit ruhiger und sonorer Stimme fuhr seine Exzellenz fort: „Nun, gnädigste Priorin, wenn hier ein wenig Ruhe eingekehrt ist, so werde ich mit Euch alleine über das Vermächtnis der hier gottselig entschlafenen Theresia Freifrau Strobelhofen weiter besprechen. Insbesondere das Legat nach Grätz, die Hauptstadt von Steyr, interessiert mich sehr. Ich werde meinerseits durch meine höchstselbige Kanzlei dort anfragen lassen und zudem auch zu erheben versuchen, ob noch etwaige Verwandte unter den Lebenden weilen. Gott sei mit Euch Pirorin!“ Er hielt ihr seine behandschuhte Hand zum Kuße hin, ignorierte die restlichen anwesenden Karmelitinnen, ergriff seinen Krummstab und schritt rasch aus dem Saale. Betretene Gesichter unter den Nonnen waren allenthalben zu bemerken.

 

„Was fällt Euch ein, in Gegenwart des Fürsterzbischofes über eine jüngst Verstorbene so herzu ziehen und euch in seiner Gegenwart zu zanken wie die Fischweiber am Markt“ donnerte die Priorin wieder los.

 

Da erhob sich die Organistin jäh und rief: „Das passt wieder mal gut ins Bild – das ärgste Fischweib hier war doch gerade die Stroblerin – und zudem war die in ihrer Jugend in Grätz eine arge Hur und völlig der Tanzwut verfallen, wie ihr wohl auch wisst gnädige Domina!“

 

Wiederum hochrot im Gesicht angelaufen donnerte die Priorin der Unbotmäßigen entgegen: „Aber sicher doch, genau die die vollste Hose hat, muss am Meisten stinken! Typisch für unsere Frau Organistin. Nur weil ihr die aufopferungsvolle Pflege, welche die Schwestern hier einer Sterbenskranken angedeihen ließen, nie gut geheißen habt – schämt Ihr Euch denn gar nicht?“

 

„Aber gewiss doch gnädige Priorin“, säuselte die Organistin, „sowie sich hier nicht alles um die Heilige Kuh aus Grätz gedreht hat, war die Stimmung hier im Konvent tiefer als unser Weinkeller – und der hat schon 18 Fuß an Tiefe“ höhnte die Sprecherin. „Aber so ist es ja immer: Zuerst ein wildes Leben führen, dann irgendwann eine faule Legende in die Welt setzen, sich wundersam bekehren tun, sich bequem in ein Kloster einnisten, krank werden, die gesamte Schwesternschaft einlullen und dann gottselig seinen Geist aufgeben! Fürwahr ein heiligmäßiges Leben“.

 

„Wenns Euch nicht passt, dann könnt Ihr gerne diese lasterhafte Stätte verlassen, das steht Euch jederzeit frei – nur wo würde man schon so eine wie Euch noch nehmen wollen Frau Organistin?“ stützte sich nun die Priorin Sieges gewiss an der Tischkante wieder auf. Auch ihr rundes Gesicht hatte wieder eine normale Farbe angenommen.

 

Nun war dieses ganze Aufhebens rund um ihre Person der Organistin höchst peinlich und sie ließ sich nur noch sehr kleinlaut vernehmen, dass die Mutter Priorin ihren fürwahr unpassenden Ausbruch und Mangel an Respekt gegenüber der gnädigen Domina in ihrem beispiellosen Großmut nachsehen möge. So, nun war wieder Ruhe eingekehrt und die Karmeliterinnen zogen sich in geordneter Prozession zurück und gingen wieder ihren jeweiligen Beschäftigungen nach.

 

Als Letzte verließ die Priorin den Saal und begab sich in ihre Privatkapelle, wo sie eine kurze Andacht hielt. Alsdann ging sie in ihre Stube, schlug die Betrachtungen des Heiligen von Kempten auf und während sie las, lies sie den Rosenkranz durch ihre Finger gleiten und spürte, wie sich ihr Sinnen der eben erst in der Klostergruft zur letzten Ruhe Gebetteten entfernte.

 

Prag, 1. Juli 1688: Kloster der Karmeliterinnen, Stube der Priorin:

Mit zittrigen Fingern ließ die gnädige Frau Priorin das Tuch zu Boden fallen, mit welchem die kostbare Fracht aus Grätz verhüllt gewesen war. Und nun stand das wertvolle Kleinod hier auf einer Staffelei in ihrer Stube. Weg mit der letzten Verhüllung und dann würde sie jenes Bild höchst selbst in Augenschein nehmen können, welches dem Leben der Freifrau Stroblhofen so eine gewaltige Wendung gegeben hatte und dessen Bedeutung die gottselige Mutter Maria Electa genau erkannt  hatte! Kein Wunder, war diese doch auch im Geruche der Heiligkeit aus dieser Welt gegangen.

So, nun hatten die beiden Dienerinnen die kostbare Fracht aus Steyr auch noch von der letzten Verhüllung befreit und endlich die Stube verlassen. Schließlich wollte die Hohe Frau allein das Bild oder vielmehr dessen eilig hergestellt Kopie in Augenschein nehmen. Das Original befindet sich ja bekanntlich am linken Altar vorne in der Kirche der Minderen Brüder in Grätz.

 

In einem gewaltig geschnitzten Rahmen nimmt unser Heiland in rotem Gewande gut zwei Drittel des Bildes ein. Während er auf seinen Schultern das Marterwerkzeug mit scheinbarer Gelassenheit und schier endloser Geduld balanciert – ja selbst auf einer nicht gerade meisterhaft gemachten Kopie schien er sich aus dem Bilde heraus zu lehnen und den Betrachter näher in Augenschein zu nehmen.

 

Sie konnte es schier nicht glauben: Ja, der Heiland schien auch mit ihr sprechen zu wollen – genau wie einst vor vielen Jahren bei der Freiin Stroblhofen! Nicht möglich! Und das Ihr! Nein, das konnte doch wohl gar nicht möglich sein! Was wollte der Messias schon zu ihr sagen – ihr, der völlig unbedeutenden Priorin der Prager Karmelitinnen. Träumte sie gar schon am hellen Vormittag?

 

Nein, da half nur rasch den Blick abwenden. Sie setzte sich an den Schreibtisch und las den beigelegten Brief aus Grätz: Vera effigis pinxit de Ecclesiae S. Fratres Minores Gracenis stand da – also wirklich eine beglaubigte Kopie des Bildes aus der Grazer Klosterkirche der Minderbrüder. Somit war kein Zweifel mehr möglich: Das wundertätige Christusbild, welches den Heiligen mit der Schulterwunde so naturgetreu wiedergab, dass es zu der jungen Maria Theresia Strobl gesprochen hatte und sie auf deren sittenwidrigen Lebenswandl ansprach – es stand nun tatsächlich in Kopie vor ihr hier in der Goldenen Stadt und schien die Frau Priorin gleichfalls in seinen Bann zu ziehen.

 

Grätz, 9. Juli 1688: 

In der Registratur des Franziskanerkonventes legte der Revisor des Archives befriedigt die Gänsefeder aus der Hand, mit welcher er drei Seiten fein säuberlich beschrieben hatte. Seine Arbeit war nun nach akribischen Archivstudien endlich erledigt. Wurde aber auch Zeit, denn seit etwa einer Woche tat er ja nichts anderes, als in alten Dokumenten und Aufzeichnungen Nachschau zu halten über das Leben der Maria Theresia Freiin Stroblhofen, einer unlängst erst in Prag verstorbenen Karmeliterin.

 

Wie von der dortigen Priorin gewünscht waren auch Fragen bezüglich noch lebender Angehöriger gestellt worden – freilich ohne Resultat.

Maria Theresia Strobl, später zur Freiin von Stroblhofen erhöht, war am 7. Januar 1629 als jüngste von drei Schwestern ihrer Eltern zur Welt gekommen und wurde äußerst privilegiert erzogen. Sie führte das gut behütete und sorglose Leben einer Tochter aus gutem Hause. Hierbei durfte das Vergnügen niemals zu kurz kommen, auf geistige Bildung wurde ungleich weniger Zeit verwandt. 

 

Sie wurde im angemessenen Alter reich verheiratet, doch die Ehe war nicht glücklich. So beschloss die junge adlige Dame sich von ihrem ungeliebten Gespons zu trennen. Als Buße für ihren früher nicht gerade einwandfreien sittlichen Lebenswandel beschloss sie Nonne zu werden und alsbald sollte sich hierfür eine günstige Gelegenheit bieten ….

 

So dachte der Revisor darüber nach, dass die junge Dame eine Ausnahmeerscheinung unter den Zierden ihres Geschlechtes war: Eine die offenbar ihr wenig tugendhaftes Benehmen bereute und eine absolute Kehrwendung in ihrer Lebensführung nicht nur anstrebte, sondern auch in Realita vollzog. 

Hierin war die Frau Strobl tatsächlich eine Ausnahmeerscheinung, denn Ansätze zur Besserung und Änderung der Lebensführung kamen des Öfteren vor – doch freilich brachten dies nur die Allerwenigsten zuwege! Hierfür waren die Beispiele, welche sich nennen ließen zahlreicher als die Sandkörner am Meeresstrand.

 

In der Gewissheit die aus Prag an ihn gerichteten Anfragen gewissenhaft und wahrheitsgetreu beantwortet zu haben, beendete er nun seine lange und intensive Recherche. Er dankte Gott und richtete auch eine kleine Andacht an den Heiligen Expeditus gleich rechts beim Kirchenportal – dem Patron für zweifelhafte und aussichtslose Anliegen. Geradezu verständnisvoll sah ihn der als jugendlicher Legionär dargestellte Heilige an, blickte ihn über seine gefalteten Hände hinweg wohlwollend an – indes er seinen linken Fuß in der hohen Sandale auf den sich darunter befindlichen Raben gestellt hatte.

 

Prag, den 11. August 1688:

Endlich war Ruhe in die Sache rund um die unlängst heimgegangene Freifrau von Strobelhofen eingekehrt. Ja, durch ein Bild im Franziskanerkonvent, welches zu ihr gesprochen haben sollte, die ja wahrlich kein Vorbild an Tugendhaftigkeit gewesen war, wurde diese völlige Umkehr ihres Wesens vollzogen. Dies zeigten die schriftlichen Ausführungen des Herrn Revisor aus Grätz, worum sie gebeten hatte, nur zu deutlich.

Zudem hatte die Priorin ihre Schwestern dazu angehalten im hauseigenen Archiv und auch in der Bibliothek genauestens Nachschau zu halten, was sich alles zur Freiin Stroblhofen darin auffinden lassen würde. Das Ergebnis konnte sich sehen lassen:

Die hohe Frau, ein Vorbild an Frömmigkeit, Tugend und guten Werken war die letzten elf Jahre ihres Daseins von einem Schlagfluss schwer getroffen darniedergelegen und völlig der Barmherzigkeit und Pflege ihrer Mitschwestern anheim gestellt. Was sie zuvor all Gutes gewirkt hatte, wurde ihr nun bis zu ihrem Abgang aus der irdischen Welt am 22. Mai 1688 reichlich vergolten.

 

In den Tagebüchern ihrer Vorgängerin, der ehedem heilig lebenden Maria Electa, die 1663 aus dieser Welt der Sünde und Plage geschieden war, fand sich folgender Vermerk über das Ordensleben in Prag: Als dieses Kloster 1663 vom Kaiser Ferdiand III. gestiftet worden war, kam mit der Mutter Oberin aus Wien auch die Karmelitin Maria Theresia Freifrau Stroblhofen an die Moldau. Sie war 1646 bereits in Grätz in den Orden eingetreten.

Nach langen Jahren hatte sie sich der Oberin Maria Electra anvertraut, was hierzu den Ausschlag gegeben hatte: Im Alter von etwa 16 Jahren wollte sie wohlgeputzt zum Tanze gehen, war aber noch viel zu früh dran und ging aus einer Laune heraus in die Kirche des Franziskanerklosters und betrachtete dort eingehend jenes Altarblatt, welches den Heiland milde lächelnd mit dem Kreuz, der Dornenkrone und der Schulterwunde zeigt. Plötzlich hörte sie eine Stimme, welche sie fragte: „Wie kann es Dir gefallen, so eitel wie Du bist zum Tanze zu gehen, während ich hier so für die Welt leide?“

 

Dies war nun der Funke gewesen, der die völlige Umkehr in ihrem Leben bewirkt hatte und sie in den Franziskanerorden hatte eintreten lassen. Freilich wurde dies später im Prager Konvent für Bigotterie gehalten und deswegen war die Freiin von Stroblhofen dort nicht bei allen wohlgelitten.

 

Grätz; 4. März 1735:

Nach langen juristischen Streitereien und advokatischen Winkelzügen gab der nun verwitwete Gatte der Freifrau von Strobelhofen endlich klein bei und bewilligte die prunkvolle Fassung des Schulterwundenbildes am linken Seitenaltar der Franziskanerkirche zum Heile aller Christen. Möge es hinfort noch viele derartige wundersame göttliche Sinneswandlungen bewerkstelligen, wie einst bei seiner Gattin – der bekehrten Tänzerin aus Graz.

 

Von Dr. Peter Kneissl 

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