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Der weltgrößte Erzschwindler - Graf Alexander Cagliostro

Der weltgrößte Erzschwindler - Graf Alexander Cagliostro (1743 bis 1795)

Von Peter Kneissl

 

Palermo, April 1787: 

Ein wenig unsicher blickte sich Goethe, Minister des Herzogtums Sachsen – Weimar – Eisenach um, so daß sein fragender Blick auch seinem Reisebegleiter auffiel. Ja, hier sei man schon richtig, um zur Familie Balsamo zu gelangen. In diesem Gewinkel und Gevierthaufen, der den Prager Pawlatschensiedlungen zur höchsten Ehre gereichen würde, sollte einer der Prominentesten seiner Zeit zur Welt gekommen sein? Kaum zu glauben!

Daß die höchsten Herrschaften mitunter an äußerst unprivilegierten Orten das Licht dieser Welt erblickten mochte schon hingehen, aber dieser dreckige und verschimmelte Hinterhof, in den sie gerade einbogen, das durfte doch wohl nicht wahr sein! Hier wurde also Caglistro leibhaftig geboren. Von oben hörte man schon lebhaften Betrieb mit ohrenbetäubendem Kindergeschrei. Oben im Zweiten Stock öffnete eine abgehärmte Matrone die Tür und bat die Besucher in ihr bescheidenes Quartier einzutreten.

 

Auf einem durchgesessenen Feauteuil, das auch schon bessere Zeiten erlebt hatte, nahm man nun Platz und unterhielt sich zwanglos über die frühen Jahre des Mannes, der mit seinen speziellen Gaben ganz Europa in Erstaunen und Verzückung versetzt hatte. Das durfte doch wohl nicht wahr sein! Bestand das gesamte Dasein dieses Mannes nur aus Illusion, faulem Zauber und Betrug?

Nach guten drei Stunden hatte Goethe das unzusammenhängende Gelaber und Geplapper der vier Weiber satt und man empfahl sich wieder weiter aufgrund von wichtigen Geschäften. Würde man dem ominösen Herrn Grafen wieder einmal ansichtig werden, so sah er es als seine höchste Pflicht an, jedermann vor ihm und seinen Machenschaften zu warnen.

 

Paris, 1795:

Im Fort erkundigte sich die Dame noch einmal mitfühlend, wie es nun mit der Überführung des teuren Leichnames zu einer würdigeren Bestattung stehen würde, als ihn in der Garnison am Rande der Zivilisation lieblos eingelagert in einem Zinnsarkophag der Ewigkeit entgegen schlummern zu lassen. 

Sich gegenüber seiner Bittstellerin ohnehin nur sehr von oben und äußerst herablassend zeigend, blies sich der schmächtige Gouverneur nochmals zu voller Größe auf (sofern dies bei einem Männchen von seinem Zuschnitt überhaupt gelingen mochte) und bellte ihr unverhohlen ins Gesicht: „Ihr verblichener Herr Gatte kann sich ohnehin schon bald an seine höchst private Himmelfahrt machen – am nächsten Mittwoch werden die Bauwerke der gesamten Garnison in die Luft gesprengt!“

Unter der Schicht ihrer dick aufgetragenen Schminke errötete die angebliche Gräfin wie ein Hummer und wankte aus dem Zimmer. Geschah ihr schon recht dieser dummen Pute! Gemeinsam mit ihrem Gatten, dem angeblichen Grafen Cagliostro hatte sie ganz Europa genarrt und um Millionen und Abermillionen geprellt. Recht so: Hochmut kommt vor dem Falle und der gnädige Graf hatte dafür ohnehin seine letzten Lebensjahre im Kerker der Serenissima verbringen dürfen.

 

Mitau, 1767:

Sichtlich schwer erstaunt und baff verließen etwa 70 Personen beiderlei Geschlechts das Palais des Grafen Waldenstein am Mitauer Schloßplatze und begaben sich wild debattierend zu ihren Kaleschen. So etwas Wunderbares und zugleich doch ein wenig Unheimliches hatten sie noch nie erlebt! Und das mochte schon was heißen in der ach so auf Neues und Wunderbares erpichten Zeit wie der Gegenwärtigen, im Rokoko.

Die einen konnten sich nicht genug ereifern über den Unsinn den Graf Cagliostro von sich gab: 4000 Jahre sei er gar alt dieser großspurige Dickwanst und Hohepriester der ägyptischen Amunbruderschaft! Was für ein Unsinn!

Die anderen hingegen vergingen beinahe vor Bewunderung über den erlauchten Herren, der noch viel wunderbarer und göttlicher zu sein schien als der erst unlängst aufgetauchte Graf von St. Germain. Und der spielte schon wahrlich alle Stücke auf der Klaviatur der Absonderlichkeiten und wurde hierbei noch vom Grafen Cagliostro bei Weitem überflügelt.

Wie unheimlich war das Szenario gewesen als in diesem abgedunkelten Raume durch die Gesten und Handbewegungen ein kleiner Junge niedrigen Standes zu berichten begann über Personen und Zusammenhänge aus dem alten Ägypten, von welchen dieser unmöglich Kenntnis haben konnte!

Gewiß, derartige Scharlatane gab es haufenweise und diese galten an den europäischen Herrscherhöfen immer als besondere Attraktionen – doch dieser Cagliostro schien doch anders zu sein als die meisten Anderen seiner Gesinnung. Doch auch über ihn gab es manch wenig ruhmreiche Anekdote zu berichten: In Parma habe eine seiner Darbietungen damit geendet, daß aufgrund seiner Leibesfülle die Stricke, mit denen er scheinbar schwerelos durch den Raum schwebte, entzwei rissen und er mit lautem Platsch im Wasser landete. O wie bedauerte er seine enorme Fettleibigkeit, so daß er nicht einmal mehr in der Lage war, aus eigener Kraft selbst dem Naß zu entsteigen. Solch unbotmäßige Propaganda trug schon zur einladenden Skepsis bei, die ihn an den Orten seiner Auftritte zu empfangen pflegte. Dennoch gelang es ihm aber immer wieder Leichtgläubige zu finden, bei denen er stets offene Türen einrannte.

 

St. Petersburg, Schloß Oranienbaum, Juni 1792:

Nun war er also wieder glücklich von dannen gezogen der Hochstapler Cagliostro. Sie, die Zarin aller Reussen, Katharina II. hatte er nicht zu täuschen vermögen. O nein, sie hatte ihn sofort durchschaut, diesen Hochstapler und Wichtigtuer aus Palermo.

Wollte er sich doch tatsächlich unterstehen ihr zu den Feierlichkeiten ihres 30jährigen Regierungsjubiläum eine seiner Mummenschanzereien zu präsentieren! Pah! Rasch hatte sie ihn abgefertigt und ihm zwei Optionen zur Wahl vorgelegt: Erstens seine schleunigste Abreise aus Rußland oder zweitens ein wenig komfortables Gemach in der Schlüsselburg! Die Wahl hatte Cagliostro keine zwei Minuten Überlegung gekostet und fort war er gewesen, der angebliche Herr Graf.

Der mußte schon früher aufstehen, der sie, die Zweite Katharina, hinters Licht führen wollte. Das hatten schon Personen anderen Formates als dieser palmertinische Windhund versucht – und denen war es samt und sonders schlecht ergangen. Durch die Boten König Friedrich Wilhelms II. aus Berlin war sie schon ausreichend über den feinen Herrn informiert gewesen. 

Dem dicken Lüderjahn und seiner Geisterline hatte er insgesamt 2000 Dukaten abgeschwatzt für Kontakte mit dem Jenseits, bis es der Geliebten schließlich doch zu viel geworden war und er aus Berlin fliehen mußte.

Nun gut dachte sich die Zarin, nippte genüßlich an ihrem Likör und freute sich schon auf den Nachmittag in den Armen ihres jungen Schönlings Plato Subow.

 

Republik Venedig, Staatsgefängnis in den Bleikammern, 1795:

So, nun war Ruhe da drinnen. Der angebliche Graf Cagliostro, in Wirklichkeit kleiner Leute Kind aus Palermo, hatte nun endlich seinen Frieden mit der Welt gefunden. Nach sinnloser Toberei und Wüterei hatte ihn der dritte Schlaganfall sein unwürdiges Leben gekostet. Nun war Ruhe und die Welt der Aber- und Leichtgläubigen von einem großen Scharlatan befreit!

Man trat nun an die Obduktion dieses noch immer kolossalen Dickwanstes. Normalerweise hatten einige Wochen Haft hier in den berühmt – berüchtigten Bleikammern von Venedig gereicht, um die noblen Gefangenen zusammenschrumpfen zu lassen wie einen Kuhfladen in der Sonne an einer Hauswand. Doch der Cagliostro hatte immer nur getobt und gezetert nach immer neuen Speisen und Konfekt gebrüllt, bis es schließlich allen zuviel wurde und man ihm zu essen bringen ließ, was immer er begehrte.

Mochte er sich nur zu Tode fressen! Dies war nun auch geschehen und das Erdendasein eines der größten Betrüger und Erzschwindler seit Menschengedenken hatte endlich sein unrühmliches Ende gefunden!

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Kommentare: 1
  • #1

    Ron (Freitag, 03 Mai 2019 09:14)

    "Ägypten sah ich auf einmal vor mir stehen; eine heilige Dämmerung umgab mich; zwischen Pyramiden, Obelisken, ungeheuren Sphinxen, Hieroglyphen verirrte ich mich; ein Schauer überfiel mich. – Da sah ich den Großkophta wandeln; ich sah ihn umgeben von Schülern, die wie mit Ketten an seinen klugen Mund gebunden waren. Ja, dieser große herrliche, und ich darf wohl sagen, dieser unsterbliche Greis ist es, von dem ich euch sagte, den ihr zu sehen dereinst hoffen dürfet. In ewiger Jugend wandelt er schon Jahrhunderte auf diesem Erdboden. Indien, Ägypten ist sein liebster Aufenthalt. Nackt betritt er die Wüsten Libyens; sorglos erforscht er dort die Geheimnisse der Natur. Vor seinem gebieterisch hingestreckten Arm stutzt der hungrige Löwe; der grimmige Tiger entflieht vor seinem Schelten, daß die Hand des Weisen ruhig heilsame Wurzeln aufsuche, Steine zu unterscheiden wisse, die wegen ihrer geheimen Kräfte schätzbarer sind als Gold und Diamanten..."